Meine Erinnerungen an den 30.09.1989 sind bruchstückhaft. Was mir bei der berühmten Prager Balkonrede Genschers sehr gut im Gedächtnis geblieben ist, ist der halb vollendete Satz
“..um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..”
Danach: tosender Beifall, Jubel, Gesangschöre. Ich, zum Zeitpunkt zehn Jahre alt, wunderte mich hauptsächlich darüber, dass niemand den Mann im Halbdunkel ausreden ließ.
Für mich ist die Wiedervereinigung geprägt durch die Bilder der Tagesschau, in denen hupende Autokorsos durch Menschenmengen fuhren und nachts Mauerwerk abgetragen wurde. Ach ja, und irgendwas mit Bananen. Worin die geschichtliche Tragweite lag, erschloss sich mir nicht. 30 Jahre ist das her, verrückt. Zwei davon wohne ich nun selber im Osten.
In der Wahrnehmung der Wessis hat sich der Osten seit damals vom lang vermissten, bedürftigen Verwandten zu einem Familienmitglied gewandelt, das mit Geld nicht gut umgehen kann und sich trotz der guten Förderung nicht genug entwickelt hat. Zum Teil stimmt das natürlich. Aber was haben wir erwartet? Wir waren 41 Jahre nicht zusammen. Nur weil wir “zusammen gehören” heißt das noch lange nicht, dass das Puzzleteil nach all dieser Zeit perfekt passt.
Die Wiedervereinigung ist eine “work in progress”, immer noch in Arbeit, das kann ich selber tagtäglich erleben. Zu tief sind auf beiden Seiten die Verunsicherung, Misstrauen und Vorbehalte.

Als Besserwessi (oder wie der Westdeutsche aufgrund seines unternehmerischen Auftretens hier manchmal genannt wird) hat man es oft nicht leicht im Osten, wird der Geldgeilheit bezichtigt, des “Aufkaufens”, des allgemeinen Verrats an menschlichen Werten. Treuhand. T-R-E-U-H-A-N-D!
Nach der Wiedervereinigung erschienen in den Grenzgebieten Handelsvertreter und haben “Westtechnologien” verkauft. Gemeint sind u.a. Jalousien. Unser Haus hat Anfang der Neunziger sogar an den Türen welche bekommen, zum Schutz vor Einbrechern. Tja, so sah der Westen den Osten. Als neuen Handelsschauplatz.

Das ehrlichste Kompliment, das ich im Drüben bekommen habe ist, dass ich ja “ganz vernünftig sei….fürn Wessi.” Mein Eindruck war, dass sie den Westen als verdammt verkommen betrachten müssen, um so einen Gedanken zu formulieren.
Und ja, wir Wessis sind eben anders, sind Kinder der Freiheit, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt. Freiheit macht einen unvernünftig, aber das ist ja das Schöne daran. Also wenn ich so drüber nachdenke, wäre ich lieber unvernünftig wie ein Wessi.
Ambitioniert, rivalisierend und doch im Herzen ungenügend. Das ist der Fluch der Wessis, des Strebens nach Erfolg. Der Ossi hingegen tut Dinge aus neu entdecktem Entfaltungsdrang, aus Vergnügungssucht, und aus dem Wunsch heraus, sich selber zu gefallen. Die neue Freiheit scheint immer noch zerbrechlich zu sein in den Köpfen der Ossis.
Escha, oder egal, heißt das hier. Narzisstisch und selbstverliebt wie sie nun mal sind, folgen sie ihrem eigenen “Style” bis ins Extrem. Cowboyhut und Joggingpeitsche. Hier ist man nicht Goth sondern Okkultist, trägt nicht ein Piercing, sondern zehn, wählt entweder weit links oder AfD. Am anderen Ende des Spektrums sind religiöse Menschen hier mit einer Hingabe religiös, die einen zum Erschauern bringt. Die meinen das richtig ernst mit den christlichen Werten. Der Vorteil dieser offenen Zurschaustellung ist, dass jede Diskussion möglich und erwünscht ist, und es meiner Wahrnehmung nach weniger versteckte Ressentiments gibt, egal um welches Thema es gerade geht.
Damit kann man arbeiten, liebe Freunde. Abgehängt, rechts, wie auch immer ihr den Osten seht, im Herzen sind sie offene Menschen, die sich in ihrer neuen Freiheit manchmal grundverloren fühlen.
Ich sehe mich als frisch Rübergemachte als Versöhnerin zweier Welten. Und das ist durchaus so pathetisch gemeint, wie es klingt. Wenn wir es denn nur zuließen, über unsere Schatten zu springen. Es ist einiges, was West und Ost voneinander trennt, aber es folgt den notwendigen Entwicklungen vorangegangener Ereignisse. Je mehr Zeit ins Land geht, desto mehr fällt das Trennende weg, werden wir uns einander annähern.

Neuere Studien besagen, dass die junge Westgeneration etwas mehr an “sozialen Werten” festhält als die Generation zuvor. Umgekehrt ist der junge Osten sehr viel materieller geprägt als in den Jahren zuvor. Wir Wessis scheinen unseres unsäglichen Reichtums müde zu sein und suchen nach etwas anderem, was Sinn stiften könnte. Der Osten ist gerade erst dabei, die Freude am Eigentum zu entdecken.
Und noch was: ein politisches System allein macht einen nicht zu guten oder schlechten Menschen und Wohlstand ist noch lange keine allgemeingültige Bestätigung dafür, etwas richtig oder falsch gemacht zu haben. Das ist nur ein Maßstab von vielen.
Aber wie kann ich mich hier hinstellen und behaupten, dass ich es besser weiß.. und andere darüber belehren, wie es richtig geht. Besserwessi eben. Das kriegste nich raus.
Tschüssi
eure Mandy



